Bruno Ganz: Die fünf besten Rollen des leisen Virtuosen

Vor einem Jahr, am 16. Februar 2019, verstarb Bruno Ganz mit 77 Jahren in seiner Heimat Zürich. Als leiser und wortgenauer Schauspielkünstler gehörte Ganz zu den größten deutschsprachigen Darstellern überhaupt.

Zum ersten Todestag

Bruno Ganz (1941-2019) fehlt der Schauspielwelt. Am 16. Februar 2019 verstarb der Schweizer im Alter von 77 Jahren in seiner Heimat Zürich. Seine Alkoholsucht hatte er überwunden, den langjährigen Kampf gegen den Krebs konnte er nicht gewinnen. Bruno Ganz war ein einfühlsamer und wortgenauer Schauspielkünstler und zählte zu den größten deutschsprachigen Darstellern überhaupt. Als junger Wilder der deutschsprachigen Nachkriegstheaterszene etablierte er zusammen mit Peter Stein das Regietheater an der Berliner Schaubühne und sorgte für eine Dekonstruktion klassischer Inszenierungen.

Seine erste große Rolle als Theaterschauspieler hatte Ganz in „Die Unberatenen“ bei Kurt Hübner am Bremer Theater, es folgten Auftritte in Klassikern wie „Faust“, „Kabale und Liebe“, „Macbeth“ oder „Hamlet“. 1996 wurde er mit dem prestigeträchtigen Iffland-Ring ausgezeichnet – der Preis wird dem würdigsten Theaterschauspieler im deutschsprachigen Raum auf Lebenszeit verliehen. Ganz wirkte in über 80 Filmen mit, durch seine Hitler-Darstellung in „Der Untergang“ verlangte man auch international nach ihm. Hollywood-Werke wie „Der Manchurian Kandidat“ (von Jonathan Demme), „Jugend ohne Jugend“ (Francis Ford Coppola) oder „The Counselor“ (Ridley Scott) waren die logische Konsequenz seiner akribischen Arbeit. Das waren die fünf besten Rollen des leisen Virtuosen Bruno Ganz:

5. „Die Ewigkeit und ein Tag“ (1998)

In Theo Angelopoulos‘ „Die Ewigkeit und ein Tag“ verkörpert Bruno Ganz den sterbenden Poeten Alexander, dessen Freundschaft zu einem kleinen albanischen Flüchtlingsjungen emotional sehr berührt. Ganz ist in der Rolle demütig und aufopferungsvoll, präsent und ausdrucksstark – er trägt den Film, der 1998 die Goldene Palme in Cannes erhielt, ganz allein.

4. „Der Himmel über Berlin“ (1987)

An der Seite von Otto Sander, seinem Theater-Kumpel von der Berliner Schauspielbühne, flog Bruno Ganz als sanftmütiger Engel Damiel über das geteilte Berlin. Der Schweizer wirkt in „Der Himmel über Berlin“ schon so altersweise, dabei ist er zu diesem Zeitpunkt erst 46 Jahre alt. Ihm gelingt darin eine berührende und einfühlsame Darstellung, die seine Wandlungsfähigkeit einmal mehr deutlich macht. Ganz und auch Sander als Engel Cassiel halten den doch sehr langatmigen und kitschigen Film von Wim Wenders zusammen.

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3. „Der amerikanische Freund“ (1977)

Erste internationale Bekanntheit erlangte Bruno Ganz an der Seite von Dennis Hopper in Wim Wenders‘ ambitioniertem Schielen nach Hollywood. Im Drama nach Patricia Highsmiths Roman spielt Ganz den introvertierten, todkranken Hamburger Rahmenmacher Jonathan, der einen Mord begehen soll. Dabei mischt sich immer wieder eine naive Euphorie in Ganz‘ verzweifelte Melancholie, wenn er mit Hopper, dem amerikanischen Freund, spärliche Gespräche führt. Sein undurchdringlicher Blick und seine stoische Art sind bereits damals auffällig. „Der amerikanische Freund“ war seine erste Zusammenarbeit mit Wenders.

2. „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (2017)

In der Romanverfilmung von Matti Geschonneck mimt Bruno Ganz den DDR-Funktionär Wilhelm Powileit herausragend. Es ist seine mit Abstand lustigste Darbietung, durch die er einmal mehr seine Wandlungsfähigkeit unterstreicht. Mit brüchiger Verbohrtheit und pointierter Virtuosität steht Ganz in der DDR-Familiensaga zwangsläufig im Mittelpunkt, weil er den restlichen Cast nicht weniger als an die Wand spielt. Es genügen minimale Variationen in Mimik und Tonhöhe, um als Working-Class-Veteran für alle zum Familientyrannen zu werden. Mit den anderen Hauptdarstellern Hildegard Schmahl, Sylvester Groth, Alexander Fehling und Evgenia Dodina hat Geschonneck für den Film keine Laien engagiert, und doch ist es Ganz und nur Ganz, der in „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ alles um sich herum würdevoll verblassen lässt.

1. „Der Untergang“ (2004)

Bruno Ganz gehörte zu den ganz wenigen Darstellern, die lediglich mit den Augen spielen konnten – siehe Anthony Hopkins oder Kevin Spacey. Er beherrschte das Spiel der reduzierten Mimik nahezu perfekt, nicht zu blinzeln ist ein Trick, den auch Michael Caine anwendete. Vielleicht verleiht genau diese lauernde Ruhe zwischen den vulkanhaften Ausbrüchen seiner Hitler-Version in „Der Untergang“ den gespenstischen Touch. Natürlich kam ihm besonders hier seine Theaterschule zugute. Oliver Hirschbiegels Film über die letzten Tage Adolf Hitlers war eine der höchstumstrittenen deutschen Produktionen der letzten 20 Jahre. Es ging um die Frage, ob man Hitler als ganz normalen Menschen darstellen darf. Ganz selbst wischte die Diskussion um die menschliche Darstellung des Diktators einfach weg: „Letztendlich konnte ich nicht zum Herzen Hitlers vordringen, weil es da keines gab.“

Der Film kam dann doch in die Kinos, es folgte die Oscar-Nominierung als „Bester nicht-englischsprachiger Film“. Danach wollte niemand mehr etwas von der anfänglichen Skepsis wissen, ganz einfach, weil Ganz‘ beispiellose Leistung an einen Geniestreich grenzt. Wie Bruno Ganz komplett in der Rolle verschwindet und die Person Adolf Hitler bis auf die Knochen seziert – eine furchteinflößende Verkörperung. Die Darbietung des Charakterdarstellers ist auch deshalb so glaubhaft, weil er gezielt zwischen dem präzisen, schneidenden Hochdeutsch in diesem Film und dem behaglichen Schweizer-Singsang aus anderen Rollen wechseln konnte. Wäre Ganz ein Amerikaner, er hätte sich einen Oscar in die Vitrine stellen können. Dass er anschließend auf ewig mit der Rolle verbunden sein würde, musste Ganz bereits vorher gewusst haben.

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(dms/spot)


Peter Franzen:
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