Mehr als 40 Tote durch Massenpanik bei religiösem Fest in Israel

Zehntausende Teilnehmer – Augenzeuge macht Polizei für Unglück verantwortlich

Alptraum statt Freudenfest: Bei einer Massenpanik an einer jüdischen Pilgerstätte im Norden Israels sind dutzende Menschen ums Leben gekommen. Mindestens 44 Menschen seien bei dem nächtlichen Unglück im Ort Meron gestorben, hieß es am Freitag von Seiten der Rettungskräfte und eines Krankenhauses. Anlässlich des jüdischen Feiertags Lag Baomer hatten sich zehntausende meist ultraorthodoxe Pilger – und damit mindestens dreimal so viele wie wegen der Corona-Pandemie zugelassen – am Grab des Rabbiners Schimon Bar Jochai versammelt.

38 Menschen seien am Ort des Unglücks gestorben, sagte ein Sprecher der israelischen Rotkreuzorganisation Magen David Adom (MDA) der Nachrichtenagentur AFP. Es gebe aber weitere Opfer in den Krankenhäusern. Aus einer der Kliniken hieß es, es seien sechs Menschen gestorben.

Bei der Massenpanik wurden zudem mehrere Menschen schwer verletzt. Der Rettungsdienst MDA erklärte am Morgen, er kämpfe noch um die Leben von sechs Verletzten. Dem Fernsehsender Kan zufolge waren 18 Menschen in einem „besorgniserregenden“ Zustand. Insgesamt wurden laut MDA rund 150 Menschen verletzt.

Auch Stunden nach der Massenpanik kurz vor Mitternacht war die genaue Ursache unklar, die Behörden leiteten Ermittlungen ein. Anfangs hieß es, der Einsturz einer Tribüne habe das Unglück verursacht. Später sprachen die Rettungskräfte aber von einem tödlichen Massengedränge.

Der 18-jährige Augenzeuge Schmuel machte die Polizei für das Unglück verantwortlich: Demnach schlossen die Beamten wegen Überfüllung eine Metallrampe, die zum Ausgang der Wallfahrtsstätte führte. „Es kamen immer mehr Leute, und die Polizei ließ sie nicht raus“ – auch, als die Menschen bereits anfingen übereinander zu fallen, sagte er. Dann sei die Rampe zusammengebrochen, „und Dutzende von Menschen wurden erdrückt“.

Israelische Medien veröffentlichten Bilder, auf denen mehrere Leichen in Plastiksäcken zu sehen waren. Mehrere Hubschrauber waren im Einsatz, um die Verletzten in Krankenhäuser zu bringen. Auch die israelische Armee schickte Ärzteteams und Helikopter nach Meron.

„Das ist eine der schlimmsten Tragödien, die ich je erlebt habe“, sagte Lazar Hyman von der Rettungsorganisation United Hatzalah. Sein Kollege Dov Meisel berichtete im Armeerundfunk von einem unbeschreiblichen Chaos, als die Menschen versuchten, sich selbst zu retten und sich dabei gegenseitig niederrissen.

Auf Aufnahmen des Fernsehsenders Kan war zu sehen, wie eine Metallabsperrung von einer dicht gedrängten Menge durchbrochen wurde. Nach Angaben von Kan-Reporterin Rubi Hammerschlag versuchten tausende Pilger, in das Innere der Wallfahrtstätte zu gelangen, ohne zu wissen, dass sie die Situation damit noch verschlimmern würden.

Der Polizeichef von Israels Nordbezirk, Schimon Lavi, sagte der Nachrichtenagentur AFP, seine Beamten hätten alles getan, um Leben zu retten. Später erklärte Lavi, er übernehme in jedem Fall die Verantwortung für die Katastrophe.

Regierungschef Benjamin Netanjahu äußerte sich erschüttert über das „schlimme Unglück“. Oppositionsführer Jair Lapid sprach von einer „traurigen“ Nacht für das Land. Auch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) äußerte sich erschüttert über die „Tragödie“ und sprach den Opfern und ihren Angehörigen sein Beileid aus.

Ähnlich äußerte sich der Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER), Pinchas Goldschmidt. Lag Baomer sollte nach „über einem Jahr vieler Tiefpunkte und Entbehrungen“ ein Festtag werden, stattdessen sei er „zu einem Tag der Trauer und Tränen geworden“, erklärte Goldschmidt. Auch EU-Ratspräsident Charles Michel zeigte sich bestürzt. Auf Twitter wünschte er den Israelis „Stärke und Mut“ angesichts der Tragödie.

Bei der Wallfahrt handelte es sich um die größte öffentliche Versammlung in Israel seit Beginn der Corona-Pandemie. Aufgrund der großen Fortschritte bei der Impfkampagne hatten die Behörden 10.000 Pilger zugelassen. Nach Angaben der Organisatoren reisten aber mindestens 30.000 Gläubige aus ganz Israel an. In Medienberichten war sogar von 100.000 Pilgern die Rede.

Ultraorthodoxe Juden haben während der Pandemie immer wieder gegen die von der Regierung verordneten Schutzmaßnahmen verstoßen. Rund 5000 Polizisten waren vor Ort, um das religiöse Fest abzusichern.

Lag Baomer erinnert unter anderem an einen Aufstand gegen die römischen Besatzer im 2. Jahrhundert, an dem auch Rabbi Bar Jochai beteiligt war. Ihm wird das Hauptwerk der Kabbala, der Sohar, zugeschrieben. Lag Baomer ist aber vor allem ein jüdisches Freudenfest, mit dem das Ende einer verheerenden Seuche gefeiert wird.

An der Wallfahrt zum Grab des Rabbis auf dem Berg Meron nehmen jedes Jahr zehntausende Pilger teil. 2019 waren es nach Angaben der Organisatoren 250.000 Teilnehmer, im vergangenen Jahr musste sie wegen der Pandemie abgesagt werden.

by Von Daphné LEMELIN

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