Tragisches Ende eines Festtags: Mehr als 40 Tote bei Massenpanik in Israel

„Es wurden Menschen zu Tode gequetscht, darunter auch Kinder“

Tragisches Ende eines Freudenfests: Bei einer Massenpanik an einer jüdischen Pilgerstätte im Norden Israels sind mehr als 40 Menschen ums Leben gekommen. Anlässlich des jüdischen Feiertags Lag Baomer hatten sich zehntausende meist ultraorthodoxe Pilger am Grab des Rabbiners Schimon Bar Jochai am Berg Meron versammelt, als in der Nacht zum Freitag Panik ausbrach. Die Ursache war zunächst unklar, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu versprach eine umfassende Untersuchung.

„Es wurden Menschen zu Tode gequetscht, darunter auch Kinder“, berichtete Netanjahu nach einem Besuch am Ort der Katastrophe. 38 Menschen seien am Ort des Unglücks gestorben, sagte ein Sprecher der israelischen Hilfsorganisation Magen David Adom (MDA) der Nachrichtenagentur AFP. 150 weitere wurden demnach verletzt. Aus einer der Kliniken hieß es später, es seien sechs weitere Menschen gestorben.

Auch Stunden nach der Massenpanik kurz vor Mitternacht war die genaue Ursache unklar. Anfangs hieß es, der Einsturz einer Tribüne habe das Unglück verursacht. Später sprachen die Rettungskräfte von einem tödlichen Massengedränge.

Der 18-jährige Augenzeuge Schmuel machte die Polizei für das Unglück verantwortlich: Demnach schlossen die Beamten wegen Überfüllung eine Metallrampe, die zum Ausgang der Wallfahrtsstätte führte. „Es kamen immer mehr Leute, und die Polizei ließ sie nicht raus“ – auch, als die Menschen bereits anfingen übereinander zu fallen, sagte er. Dann sei die Rampe zusammengebrochen, „und Dutzende von Menschen wurden erdrückt“.

Israelische Medien veröffentlichten Bilder, auf denen mehrere Leichen in Plastiksäcken zu sehen waren. Mehrere Hubschrauber waren im Einsatz, um die Verletzten in Krankenhäuser zu bringen. Auch die israelische Armee schickte Ärzteteams und Helikopter nach Meron.

„Das ist eine der schlimmsten Tragödien, die ich je erlebt habe“, sagte Lazar Hyman von der Rettungsorganisation United Hatzalah. Sein Kollege Dov Meisel berichtete im Armeerundfunk von einem unbeschreiblichen Chaos, als die Menschen versuchten, sich selbst zu retten und sich dabei gegenseitig niederrissen.

Auf Aufnahmen des Fernsehsenders Kan war zu sehen, wie eine Metallabsperrung von einer dicht gedrängten Menge durchbrochen wurde. Nach Angaben von Kan-Reporterin Rubi Hammerschlag versuchten tausende Pilger, in das Innere der Wallfahrtstätte zu gelangen, ohne zu wissen, dass sie die Situation damit noch verschlimmerten.

Netanjahu bezeichnete das Unglück als „eine der schlimmsten Katastrophen“ in der Geschichte des Landes. „Was hier geschehen ist, ist herzzerreißend“, schrieb der Ministerpräsident nach einem Besuch der Wallfahrtsstätte. Am Sonntag solle eine landesweite Staatstrauer gelten.

Vor allem aus Europa erreichten Israel mitfühlende Schreiben. „Das Lag-Baomer-Fest, ein Fest dem so viele mit großer Freude entgegengesehen hatten, hinterlässt nun nichts als Schmerz und Trauer“, erklärte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) übermittelte den „Angehörigen der Opfer dieser schrecklichen Tragödie“ ihre „tief empfundene Anteilnahme“.

Auch der britische Regierungschef Boris Johnson zeigte sich erschüttert über die „schrecklichen Szenen“ aus Israel. EU-Ratspräsident Charles Michel wünschte den Israelis „Stärke und Mut“ angesichts der Tragödie.

Bei der Wallfahrt handelte es sich um die größte öffentliche Versammlung in Israel seit Beginn der Corona-Pandemie. Aufgrund der großen Fortschritte bei der Impfkampagne hatten die Behörden 10.000 Pilger zugelassen. Nach Angaben der Organisatoren reisten aber mindestens 30.000 Gläubige aus ganz Israel an. In Medienberichten war sogar von 100.000 Pilgern die Rede.

Ultraorthodoxe Juden haben während der Pandemie immer wieder gegen die von der Regierung verordneten Schutzmaßnahmen verstoßen. Rund 5000 Polizisten waren am Meron-Berg vor Ort, um das religiöse Fest abzusichern.

Lag Baomer erinnert an das Ende einer verheerenden Seuche unter tausenden Talmud-Schülern zur Zeit von Rabbi Schimon Bar Jochai im zweiten Jahrhundert. Vor allem ultraorthodoxe Juden pilgern an dem Tag zum mutmaßlichen Grab des Tora-Gelehrten nach Meron, veranstalten dort große Lagerfeuer und nehmen den ersten Haarschnitt von dreijährigen Jungen vor.

by Von Daphné LEMELIN

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