24300:

Folgen der Staudamm-Zerstörung in Südukraine immer dramatischer

Nach der Teilzerstörung des Kachowka-Staudamms in der Südukraine nehmen die Folgen für die Region immer katastrophalere Ausmaße an. Die Fluten schwollen am Mittwoch weiter an, in der besonders betroffenen Großstadt Cherson im von der ukrainischen Armee kontrollierten Gebiet stiegen die Pegel um fünf Meter. Tausende Menschen wurden bereits in die Flucht gezwungen. Wer für die Explosion verantwortlich war, die den Staudamm beschädigt hatte, blieb weiter unklar.

Auf der von der Ukraine gehaltenen westlichen Seite des Flusses Dnipro wurden bis Mittwochmittag "mehr als 1450 Menschen" vor den Fluten in Sicherheit gebracht, wie die ukrainische Rettungsdienste mitteilten. Die von Moskau eingesetzten Behörden auf der Ostseite des Flusses gaben die Evakuierung von bis dahin 1274 Menschen bekannt. 

Insgesamt sollten mehr als 40.000 Menschen auf beiden Seiten des Flusses evakuiert werden. Angaben zu möglichen Toten und Verletzten lagen zunächst weiterhin nicht vor. 

Der in russisch besetztem Gebiet liegende Kachowka-Staudamm am Dnipro war durch die Explosion in der Nacht zum Dienstag teilweise zerstört worden, große Mengen Wasser traten aus. Die Ukraine und Russland machen sich gegenseitig für die Explosion verantwortlich.

Der ukrainische Regierungschef Denys Schmyhal warf Moskau wegen des Staudammbruchs "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" und einen "Ökozid vor. Russland habe "eine der schlimmsten Umweltkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte ausgelöst", sagte Schmyhal per Videoschalte bei einem Treffen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris.  

Die USA und Großbritannien äußerten sich jedoch zurückhaltend zu den Ursachen des Dammbruchs. In Washington sagte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats, John Kirby, seine Regierung könne die Lage noch nicht abschließend bewerten. Auch der britische Premierminister Rishi Sunak sagte vor seiner Abreise zu einem Treffen mit US-Präsident Joe Biden, es sei noch "zu früh", um ein "endgültiges Urteil" abzugeben.

Nach Angaben von Experten nutzen die Überschwemmungen allerdings im Krieg allein Russland. Zwar stehen auch russische Verteidigungslinien unter Wasser - doch vor allem wird demnach die von der Ukraine monatelang vorbereitete Gegenoffensive durch die Überschwemmungen behindert. "Nach der Logik des cui bono (wem nützt es) wäre Russland der offensichtliche Schuldige", schrieb der Historiker Sergey Radchenko von der Johns Hopkins School of Advanced International Studies im Onlinedienst Twitter.

In der Millionenstadt Cherson war die Lage besonders dramatisch. Rettungsteams holten Menschen in Schlauchbooten aus ihren überfluteten Häusern. Die 68-jährige Natalija Korch sagte, sie sei ein Stück weit schwimmend aus ihrem gefluteten Haus geflüchtet. Die Beine der Frau waren mit Schürfwunden übersät, ihre Hände zitterten von der Kälte, als sie aus dem Rettungsboot stieg. 

"Alle meine Zimmer stehen unter Wasser. Mein Kühlschrank, meine Kühltruhe, alles treibt im Wasser", berichtete Korch. Sie sorgte sich um ihre beiden Hunde, die sie nicht habe mitnehmen können: "Um in das Zimmer zu gelangen, wo sie waren, hätte ich tauchen müssen. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist."

Infolge des Dammbruchs wurden laut ukrainischen Angaben 150 Tonnen Maschinenöl in den Dnipro gespült. Das Agrarministerium in Kiew äußerte die Befürchtung, dass insgesamt zehntausende Hektar landwirtschaftliche Fläche auf beiden Seiten des Stroms überflutet werden könnten. Die Katastrophe bedrohe "die globale Ernährungssicherheit", sagte Regierungschef Schmyhal.

Die ukrainischen Behörden sorgten sich auch um die Sicherheit des Atomkraftwerks Saporischschja, das von russischen Truppen besetzt ist. Das größte Akw Europas bezieht sein Kühlwasser aus dem 150 Kilometer entfernten Dnipro. 

Der ukrainische Präsidentenberater Michailo Podoljak erklärte, die Anlage könne ihr Kühlwasser nun nicht mehr aus dem Dnipro beziehen, deswegen bestehe ein "rasch wachsendes" Sicherheitsrisiko für das Akw. Der von Moskau eingesetzte Direktor der Nuklearanlage, Juri Tschernitschuk, teilte am Dienstag im Onlinedienst Telegram mit, der Pegel im Kühlbecken des Akw sei nicht gesunken, deswegen bestehe "im Moment keine Sicherheitsbedrohung".

Russland warf seinerseits der Ukraine am Mittwoch vor, eine wichtige Ammoniak-Pipeline gesprengt zu haben. Eine "ukrainische Sabotage- und Aufklärungsgruppe" habe die derzeit ungenutzte Pipeline Togliatti-Odessa in der nordöstlichen Region Charkiw in der Ukraine "gesprengt", erklärte das Moskauer Verteidigungsministeriums. Bei dem "Terrorakt" seien mehrere Zivilisten verletzt worden.

dja/ju