Armee übernimmt nach plötzlichem Tod des Präsidenten die Macht im Tschad

Auswärtiges Amt warnt vor Gewalt – Deutsche sollen Land verlassen

Nach dem plötzlichen Tod von Präsident Idriss Déby Itno hat die Armee die Macht im Tschad an sich gerissen. Ein Militärsprecher des zentralafrikanischen Landes verkündete am Dienstag die Auflösung des Parlaments und der Regierung. Er versprach zwar „freie und demokratische“ Neuwahlen – allerdings erst nach einer 18-monatigen Übergangsphase. Das Auswärtige Amt warnte vor „bewaffneten Auseinandersetzungen“ und rief alle Deutschen „dringend“ zur Ausreise auf.

Der als wichtiger Unterstützer des Westens im Kampf gegen Dschihadisten geltende Déby war seit 30 Jahren an der Macht. Er sei am Dienstag Verletzungen erlegen, die er sich am Wochenende „bei der Verteidigung der territorialen Integrität auf dem Schlachtfeld“ zugezogen habe, hieß es in einer im Staatsfernsehen verlesenen Erklärung der Armee. Der 68-Jährige befehligte demnach persönlich Regierungstruppen im Norden des Landes im Kampf gegen Aufständische.

Nur kurz nach der Bekanntgabe des Todes verkündete ein Armeesprecher die Auflösung von Parlament und Regierung. Einer der Söhne Débys werde nun einem Militärrat vorsitzen, der während der 18-monatigen Übergangsphase die Geschicke des Landes übernimmt. Dieser werde „die nationale Unabhängigkeit, die territoriale Integrität, die nationale Einheit und den Respekt internationaler Verträge und Abkommen garantieren“.

Der 37-jährige Mahamat Idriss Déby Itno ist ein Vier-Sterne-General und Kommandeur der allgemein gefürchteten Präsidentengarde. Die Militärs verkündeten zudem eine sofortige Ausgangssperre. Alle Grenzen des Landes wurden geschlossen, ebenso Schulen und öffentliche Einrichtungen. Auf den Straßen der Hauptstadt N’Djamena war die Präsidentengarde präsent, Polizisten wechselten in komplett schwarze „Kampfkleidung“, in der von ihnen lediglich die Augen sichtbar sind.

Im Tschad kommt es immer wieder zu Kämpfen, vor allem im Norden des Landes. Erst am 11. April, dem Tag der Präsidentschaftswahl, hatten Aufständische vom Nachbarstaat Libyen kommend eine neue Offensive gestartet. Die Rebellen gehören der Front pour l’alternance et la concorde au Tchad (Fact) an, die hauptsächlich aus der die Zentralregierung ablehnenden Sahel-Volksgruppe der Daza besteht.

Die Rebellen kündigten am Abend an, ihre Offensive gegen die Regierungstruppen fortzusetzen. Ziel sei die Eroberung der Hauptstadt. Die von der Armee beschlossene Übergangsphase werde „kategorisch abgelehnt“, sagte ein Fact-Sprecher der Nachrichtenagentur AFP.

Déby, der am Freitag in einem Staatsakt beigesetzt werden soll, hatte vor 30 Jahren in einem Putsch die Macht in dem Sahel-Land an sich gerissen. Bei der Präsidentschaftswahl vor gut einer Woche wurde er mit fast 80 Prozent der Stimmen für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt, eine zählbare Opposition gibt es im Tschad nicht.

Déby galt als ein wichtiger Verbündeter des Westens im Kampf gegen Dschihadisten, er wurde vor allem von der Ex-Kolonialmacht Frankreich gestützt. Der Tschad, der von Krisenstaaten wie Libyen, Sudan und Zentralafrika umgeben ist, stellt sowohl viele Truppen als auch Militärausrüstung für die Kämpfe bereit. Zudem entsendet das Land Soldaten für die UN-Mission in Mali. Die politische Situation in der Sahelzone ist seit Jahren von zunehmender islamistischer Gewalt geprägt – auch die Bundeswehr ist in der Region im Einsatz.

Angesichts der ungewissen Lage warnte das Auswärtige Amt vor Reisen in den Tschad und rief alle Deutschen auf, das Land zu verlassen. Es sei „mit politischer Instabilität und bewaffneten Auseinandersetzungen“ zu rechnen. Es sei geplant, die Botschaft in den kommenden Tagen zu schließen.

Die frühere Kolonialmacht Frankreich rief zu einem „friedlichen Übergang“ auf. Frankreich verliere mit Déby einen „mutigen Freund“, der sich Jahrzehnte lang für die Sicherheit und Stabilität der Region eingesetzt habe, erklärte der Elysée-Palast. Außenminister Jean-Yves Le Drian sagte, die Übergangsphase müsse „eine begrenzte Dauer“ haben.

Der Tschad gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Nach Angaben der Weltbank leben 42 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze.

by Ludovic MARIN

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