[Kommentar] Android-OEMs, euer neues Smartphone braucht keine Notch

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Nicht nur in der Smartphone-Branche ist es ein etablierter und oft auch sinnvoller Trend, Features von Konkurrenzprodukten zu übernehmen. Wenn aber ohne erkennbaren guten Grund semi-optimale Features wie die ikonische Notch des iPhone X übernommen werden, wirkt das fast schon ein wenig verzweifelt.

In den vergangenen Wochen und Monaten sind diverse Android-Smartphones präsentiert oder vorab geleakt worden, die ein charakteristisches – wenngleich auch kontrovers diskutiertes – „Feature“ des Apple iPhone X aufgreifen: Die Einkerbung (engl. Notch) am oberen Rand eines ansonsten nahezu randlosen Displays.

Dass das jeweils aktuellste iPhone ein Trendsetter in der Smartphone-Branche ist, ist nun wirklich keine neue Entwicklung und war auch bei der Vorstellung des iPhone X absehbar. 3D-Emojis, Gesichtserkennung, Wireless Charging, Preise weit jenseits der 1000 Dollar-Marke…es gab genug mehr oder weniger neue Features und Merkmale, die sich auch abseits der iOS-Plattform hätten etablieren können.

Doch nicht wenige Android-OEMs haben sich dazu entschieden, ausgerechnet besagte Notch, die selbst unter iOS-Liebhabern nicht nur Freunde gefunden hat, zu übernehmen. Diverse Smartphones schlagen nun optisch in die gleiche Kerbe (pun intendened): Das Asus Zenfone 5, das Oppo R15, das Ulefone T2 Pro, Wiko View 2 und das Doogee V um nur einige zu nennen. Große Namen wie das Huawei P20, das OnePlus 6 und eventuell sogar das Xiaomi Mi7 könnten ihnen folgen, auch auf die Gefahr hin, in die Copycat-Schublade gesteckt zu werden.


Während man vermutlich lange darüber philosophieren kann, ob mit der Notch eine ästhetisch ansprechende Lösung gefunden wurde, fällt zunächst auf: Eben jenes Problem, dass Apple letztlich zu dieser Design-Entscheidung verleitet hat, stellt sich den Nachahmern gar nicht. Keines der genannten Smartphones muss in diesem Streifen so viel Technologie unterbringen, wie Apple sie braucht, nachdem man den Fingerabdruck-Sensor aufgegeben hat.

Doogee V notch
Beim Doogee V fällt die Notch absurd groß aus und erinnert stark an das iPhone X.

Um die Frontkamera und ein paar Sensoren einzubauen reicht allem Anschein nach eine kompakte Aussparung wie beim Essential PH-1 oder dem kommenden Mi Mix 2s aus, dennoch orientieren sich die meisten Notch-Varianten in Form und Dimensionen am iPhone. Mehr noch: Bei fast allen findet sich weiterhin am unteren Ende ein schmaler, durchgehender Streifen, den man auch einfach nach oben verlagern könnte.1

Wir haben im letzten Jahr genügend Smartphones gesehen, die auch ohne eine Notch ihre Ränder signifikant reduzieren konnten und es ist unwahrscheinlich, dass eine Notch die beste, geschweige denn die einzige, Lösung darstellt. Der größte Kompromiss, den Apple beim Design des iPhone X eingehen musste, ist nun ironischerweise das Feature, das alle kopieren.

Apple macht’s vor und alle ziehen nach

In gewisser Weise kann man hier Parallelen zum Entfernen des 3.5 Millimeter-Klinkenanschluss erkennen.2Apple hat diesen universellen Port mit dem iPhone 7 nicht entfernt, um die Industrie voranzubringen, sondern um W1-basierte Wireless-Lösungen attraktiver zu machen und die Nutzer noch mehr in das eigenen Ökosystem einzubinden. Ebenso verwendet Apple eine Notch, weil sie den Platz für die Sensoren der FaceID-Technologie brauchen. Und FaceID wiederum ist für Apple auch deshalb besonders attraktiv, weil sie perfekt abgestimmte Hard- und Software voraussetzt (damit für Android-OEMs chronisch schlecht nachzubilden ist) und so ein differenzierendes Feature darstellt.

[Kommentar] Zubehör wird der nächste Walled Garden in der Smartphone-Landschaft

In beiden Fällen waren andere Hersteller schnell zur Stelle, um ähnliche Schritte anzukündigen. Nach dem iPhone 7 sind nicht wenige bereits vom Klinkenanschluss abgekommen und nach dem iPhone X wird die Notch Einzug in das Alltagsbild der Android-Landschaft halten.

Essential PH-1 notch
Das Essential Phone besaß noch vor dem iPhone X eine Notch (yay), die ist aber auch vergleichsweise kompakt.

Aber keiner der Nachahmer kann das eigentliche Konzept imitieren. Apple nutzt den fehlenden Klinkenanschluss, um mehr W1-basierte Headsets zu verkaufen und den proprietären Lightning-Port (samt den daraus entstehenden Lizenz-Gebühren) zu pushen. Und Apple braucht die Notch für FaceID. Kein Android-OEM profitiert auf gleiche Weise von der Abwesenheit des Klinkenanschlusses und keiner kann seine eingekerbten Smartphone-Displays mit einer so ausgereiften Gesichtserkennung rechtfertigen.

Nie war es leichter sich im Smartphone-Bereich von einem der Marktführer abzuheben: Den Klinkenanschluss beibehalten (er stört nicht und kabellos geht trotzdem) und statt halbgaren Gesichtserkennungs-Features mit unschön deformierten Displays weiterhin den Fingerabdrucksensor verbauen – alles wie gehabt also. Stattdessen übernimmt man eine oberflächliche Änderung ohne den eigentlichen Nutzen dahinter und erst mit Android P werden Entwickler durch eine passende API ihre Apps halbwegs unkompliziert daran anpassen können.

Das habt ihr nicht mehr nötig

Dass die Notch visuell unattraktiv und bei den meisten Android-Modellen in der Form völlig unnötig ist, ist die eine Sache. Eine andere ist, dass es einfach schade ist, dass selbst große Unternehmen wie Asus, Huawei und Oppo sich im Jahr 2018 noch immer nicht weit genug von Apple emanzipiert haben, dass sie nicht einfach alles übernehmen, was auch im jüngsten iPhone zu finden ist.

Die vergleichsweise interessanten „KI“-Features und die potente Hardware der beiden neuen ZenFone-Modelle beispielsweise werden gänzlich von der pro-Notch-Entscheidung überschattet. Nun dominieren zurecht die hämischen Copycat-Rufe die Kommentar-Spalten, Reddit-Foren und Hands On-Videos. Und wenn die drei neuen P20-Modelle demnächst kommen, wird neben dem Sinn und Unsinn einer Triple-Cam die (relativ kleine) Notch immer wieder thematisiert werden.

huawei p20 notch
Huawei setzt zwar auf eine sehr schmale Notch, inkonsequenterweise aber auch noch auf frontseitige Schriftzüge und Fingerabdrucksensoren.

Es wird sich bewusst für eine Notch entschieden, eben weil sie mit dem iPhone X assoziiert wird. Etwas von dem Momentum des ersten iPhone-Redesigns seit vier Jahren einzufangen, ist selbst für Oppo oder Huawei eine attraktive Chance. Und kleinere OEMs können so darauf bauen, dass ihr neues Modell ganz automatisch von Testern und Nutzern gleichermaßen mit einem der besten Smartphones derzeit verglichen wird (und dann beispielsweise der Preis in Relation nochmals attraktiver wirkt). Das sollten Android-Smartphones aber einfach nicht mehr nötig haben.

Unter Android bleibt immerhin die Wahl – Notch oder nicht

Wenn man diesem Trend aber etwas Positives abgewinnen möchte, dann ist das die (erneute) Erkenntnis, dass wir als Android-Nutzer froh sein können, bei der Hardware nicht den Launen eines einzigen Unternehmens ausgeliefert zu sein. Wer eine Notch visuell unattraktiv findet und deshalb ein bestimmtes Smartphone nicht möchte, entscheidet sich halt für ein anderes Modell – es bleibt immer noch bei Android, die selben Apps und Services laufen weiterhin und auch das meiste Zubehör wird kompatibel bleiben. Alternativen von Samsung, Sony und Nokia hielten auch auf dem MWC die „Be together, not the same„-Fahne hoch und gehen beim Design eigene Wege.

Apple kann sich solche Entscheidungen nicht nur wegen der treuen Fanbase leisten, sondern auch weil man seine (wettbewerbsrechtlich nahezu unantastbare) Monopol-Stellung durch proprietäre Standards gut abgesichert hat und sich fest in iOS verwurzelten Nutzern keine echte Alternative bietet. Die meisten Android-Hersteller haben diesen Bonus nicht, sie übernehmen einfach nur ein wenig erstrebenswertes, aber ikonisches Design. Damit gehen sie aber auch offen das Risiko ein, als Copycat gebrandmarkt zu werden.


1 Es ist gut möglich, dass es mir nicht bekannte technische Restriktionen gibt, aufgrund derer die eine oder andere der genannten Alternativen ausscheidet. Apple verwendet meines Wissens nach ein flexibles OLED-Display und biegt das am unteren Ende, um Displaycontroller etc. anzubringen – ein Prozess der für einige Hersteller vielleicht nicht machbar oder schlicht zu teuer ist, weshalb diese den Rand unten brauchen. Man könnte das Display drehen und hätte dann oben den Streifen, aber eventuell auch ähnliche Probleme wie das OnePlus 5.

Dennoch spricht erstmal nichts gegen eine weniger offentlichtliche Kopie und das „klassische“ bezelless Design, wie es bspw. Samsung weiterhin verwendet.

2 Auch insofern, als dass Apple in beiden Fällen nicht wirklich der erste war. Das Moto Z beispielsweise hat den Klinkenanschluss vorher aufgegeben, das Essential PH-1 besaß ebenfalls eine Notch. Apple ist hier durch seine Marktmacht dennoch tonangebend.

Bilder via Apple, Essential, 9to5Google

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