Nachdem die neuen U-Modelle nicht unbedingt so perfekt zu sein scheinen, wie sich das viele gewünscht hätten, ruhen die Hoffnungen des taiwanischen Unternehmens und der verbliebenen Fans auf dem HTC U11. Doch was können und sollten wir von den kommenden Smartphone erwarten? Und vor allem: Wird das ausreichen?

Hausgemachte Probleme

Dass die vergangenen Jahre für den Smartphone-Pionier aus Taiwan nicht gerade einfach waren, kann man nicht nur darauf schieben, dass sich die Konkurrenzsituation intensiviert hat. Stattdessen stand sich HTC mit einem völlig undurchsichtigen Line-Up oft selber im Weg: Die traditionsreiche Desire-Serie hat man um dutzende Einsteiger- und Mittelklasse-Smartphones erweitert, deren einzig nennenswerter Unterschied in den zusammengewürfelten dreistelligen Nummern hinter dem einst klangvollen Namen bestand und bei Downgrades wie dem HTC 10 evo oder dem A9s fragte man sich eigentlich nur noch, was und vor allem wer genau damit erreicht werden sollte.

Nachdem man mit dem HTC One M7 mächtig Eindruck hinterlassen hatte, blieben aber auch im High-End-Bereich die Erfolge aus. Zwar zeigte sich HTC experimentierfreudig was die Kamera angeht und verpasste nach dem Ultrapixel-Versuch im M7 dem Nachfolger schon 2014 eine Dual-Cam, doch hatten die Ergebnisse gegenüber der konventioneller vorgehenden Konkurrenz stets das Nachsehen. Zudem ignorierte man wichtige Features wie eine IP-Zertifizierung völlig, hielt weiterhin an Premium-Preisen fest und die anderen Android-OEMs konnten beim Smartphone-Design aufholen. HTC befand sich bald in einer Abwärtsspirale aus sinkenden Verkaufszahlen und Marketingbudgets, von der man sich bisher nicht erholen konnte.

(Noch) Ein Neuanfang

Und so hat man für 2017 wieder einmal eine Neuausrichtung beschlossen – mit einem wiederkehrenden Motiv: Weniger Smartphone-Modelle. Sechs oder sieben sollen es in diesem Jahr werden, damit würde man die Anzahl der Neuvorstellungen halbieren. 2014 hatte man Phandroid zufolge noch 34 Smartphones vorgestellt, nachdem man dann erstmals einen signifikanten Prozentsatz seiner Mitarbeiter entlassen musste, waren es im vergangenen Jahr nur noch 15. Man kann HTC also kaum vorwerfen, dass sie an dem undurchsichtigen Line-Up nicht arbeiten würden. Aber reicht es aus, einfach nur weniger Modelle zu präsentieren?

HTC U Ultra und U Play: Künstliche Intelligenz und symmetrisches Liquid Surface Design

Man konzentriert sich nun auf die neue U-Serie, doch deren bisherige Modelle scheinen die Fehler der Vorgänger einfach fortzusetzen. Auch weiterhin verzichtet man auf Features wie eine IP-Zertifizierung und investiert Marketing- und Entwicklungsressourcen in Software-Gimmicks mit marginalem Mehrwert: Was früher der Blinkfeed war ist heute der Sense Companion. Vor allem aber rechtfertigt die Hardware nicht den Premium-Preis. Akkulaufzeit und Kameraperformance sind eher durchschnittlich, und ebenso wie LG musste HTC auf den aktuellsten Snapdragon-SoC verzichten, weil sich Samsung den für das Galaxy S8 gesichert hatte.

Und wurde die One-Serie in den Reviews vor allem für den exzellent verarbeiteten Metall-Unibody und die nach vorne gerichteten Stereo-Speaker gelobt, schmeißt HTC nun beides raus. Stattdessen verbaut man einen Second Screen a’la LG und eine Glasrückseite a’la Samsung (wer Saphirglas haben möchte darf hier nochmal mehr zahlen) und verzichtet ohne erkennbaren grund auch noch auf den Klinkenanschluss. David Pierce brachte es bei Wired schon im Januar auf den Punkt: „There’s not a wrong spec on the list, but nor is there something extraordinary anywhere.“

Das HTC U11

Das HTC U 11 – die Namenskombinationen deutet einen direkten Nachfolger des HTC 10 an – soll das alles besser machen und so dürfen wir für den 16. Mai ein Android 7.1-basiertes Smartphone erwarten, das neben dem neuen Snapdragon 835 noch 4 GB RAM und 64/128 GB internen Speicher, sowie ein 5,5 Zoll großes QHD-Display mitbringen soll. Außerdem ist der Sony IMX362 für die Hauptkamera im Gespräch, und es wird irgendein Squeeze-Feature geben, das wohl die Seiten des Smartphones zu Bedienelementen werden lässt. Unklar sind aber entscheidende Details wie die Akkukapazität, der Preis und das Vorhandensein einer IP-Zertifizierung und eines Klinkenanschlusses (Mein Tipp: 3000mAh, 699 Euro, weder noch).

In direkter Nachfolge zum HTC 10 wird das Smartphone damit auch insofern stehen, als dass selbst gute Hardware einfach nicht ausreichen kann. Die beiden südkoreanischen Konkurrenten haben fast kompromisslos gute Smartphones vorgelegt, sind ein paar Wochen früher dran und können mit ungleich größeren Marketingbudgets punkten, das Honor 8 Pro und Xiaomi Mi6 bieten mit dem U11 vergleichbare Hardware zu wesentlich günstigeren Konditionen und ein neues Oneplus-Modell kommt auch noch. HTC muss ebenfalls den Preis weiter unten ansetzen, oder alternativ eine noch unbesetze Nische suchen (High-End-Smartphone unter fünf Zoll wären so eine).

Sollte das U11 mit etwa diesen Spezifikationen erscheinen, kannibalisiert man vor allem das eigene U Ultra, das in Anbetracht des so kurz danach folgenden eigentlichen Flaggschiffs ohnehin mehr wie ein übereilter „Erster„-Release erscheint, denn wie ein durchdachter Neuanfang. Es reicht eben nicht, einfach „nur“ sechs bis sieben Smartphones zu veröffentlichen, das Line-Up sollte auch ausreichend ausdifferenziert und nicht nur auf den Premium-Bereich ausgerichtet sein (selbst das schwächere U Play kostet 400 Euro). In aufstrebenden afrikanischen und asiatischen Märkten, wo man derzeit noch nennenswerte Marktanteile generieren kann, braucht man damit garnicht erst anzukommen und in Europa und Nordamerika wird es aufgrund besagter Konkurrenz ebenfalls schwer haben. HTC bräuchte ein erstklassiges Mittelklasse-Smartphone, noch ein High-End-Modell wird dem Unternehmen aber nicht wirklich helfen.